Spionagethriller oder Realität?
Es liest sich wie ein Thriller des britischen Autors Frederik Forsyth, doch es ist blanke Realität: in der Zentralafrikanischen Republik kamen drei russische Journalisten auf mysteriöse Weise ums Leben. Was war geschehen?
Es ist ein Ort, an dem Afrika schlimmer war als alle Klischees über den
Kontinent zusammen. Es gab Herrscher, die größere Paläste hatten und
noch riesigere Schlösser, aber die Grausamkeiten, die sich Jean Bédel
Bokassa auf seinem Herrschaftssitz in der Zentralafrikanischen Republik
ausdachte, sie gehören bis heute zum schlimmsten, was Afrika erlebt hat.
Er hat gemordet und seine Opfer zu besonderen Anlässen über dem Feuer
rösten lassen und gleich selbst verspeist. Als Bokassa 1979 nach 13
Jahren an der Macht schließlich gestürzt wurde, fanden sich im kleinen
See der Residenz, der für die Krokodile ausgegraben worden war, die
Skelette von 30 Menschen, in den
Gefriertruhen lagerte Menschenfleisch. Bokassas Kinder versuchten, den
Ort in eine Touristenattraktion zu verwandeln, was nur bedingt
erfolgreich war. Der Palast moderte vor sich hin, bis das russische
Militär es zu seinem Stützpunkt in der Zentralafrikanischen Republik
machte. Vielleicht, weil sie dachten, dass man hier eher nicht
gestört wird.
Anfang August aber wollten sich drei russische Journalisten anschauen,
was hinter den Mauern und Zäunen des Anwesens genau vor sich geht,
wollten Informationen über einen Militäreinsatz, über den bisher nur
wenig bekannt ist. Wenig später waren alle drei tot, erschossen in einem
Hinterhalt, als sie mit dem Auto ins Landesinnere unterwegs waren. Das
russische Außenministerium bestätigte den Tod, die Sprecherin Maria
Sacharowa sagte aber, es "sei eine offene Frage, was sie in der
Zentralafrikanischen Republik wollten, was ihre Ziele waren".
Letztlich ist das aber nicht schwer herauszufinden. Der erfahrene
Kriegsreporter Orchan Dschemal, sein Kollege Alexander Rastogujew und
der Kameramann Kirill Radtschenko waren am 27.
Juli in die Hauptstadt Bangui gereist, um über eine dubiose russische
Söldnertruppe zu recherchieren, die in der Zentralafrikanischen Republik
aktiv ist. "Die Musiker", werden die Söldner in der Branche genannt,
weil sie für eine Firma arbeiten, die sich "Wagner" nennt, gegründet vom
früheren russischen Geheimdienstoffizier Dmitri Utkin, mit angeblich
besten Verbindungen zum öffentlichkeitsscheuen Oligarchen und Gastronom
Jewgeni Prigoschin, der auch "Putins Koch" genannt wird. Die
Wagner-Söldner sind auch in Syrien und der Ukraine aktiv gewesen und
sollen nun in der Zentralafrikanischen Republik angeblich die
Präsidentengarde stellen, den Staatschef vor verschiedenen
Rebellengruppen beschützen, die große Teile des Landes kontrollieren.
Offiziell zugegeben hat Moskau nur die Präsenz von 170 "Militärberatern", inoffiziell umwirbt Russland
das arme Land schon länger, liefert Waffen und soll an Konzessionen für
die zahlreichen Gold- und Diamantenminen interessiert sein.
All das wollten die Journalisten recherchieren - für das Zentrum
für Recherchemanagement, eines vom mehreren Medienprojekten des ewigen
Putin-Gegenspielers Michael Chodorkowski. Mit angeblich mehreren
Millionen Dollar im Jahr unterstützt er verschiedene Projekte, um die
russische Bevölkerung aus dem "Informationsghetto zu befreien", wie
Chodorkowski sein Engagement begründet, nur etwa eine halbe Million
Russen informiere sich regelmäßig durch unabhängige Medien.
In einem Interview mit der Washington Post kündigte er an,
den Tod der drei Journalisten untersuchen zu wollen, es sei aber zu
früh, den Kreml verantwortlich zu machen. Polizei und Armee der
Zentralafrikanischen Republik teilten mit, die drei Journalisten seien
Opfer eines "normalen" Überfalls geworden und hätten sich gewehrt, als
ihnen die Wertsachen gestohlen worden seien.
Andrei Konyakhin, der Chefredakteur des Zentrums für
Recherchemanagement, bezweifelt diese Darstellung, die Morde "wurden auf
eine sehr demonstrative Art und Weise durchgeführt". Verschiedene
russische Journalisten erinnerten zudem an den Tod ihres Kollegen Maxim
Borodin, der im April aus ungeklärter Ursache vom Balkon seiner Wohnung
stürzte und starb. Auch er hatte kurz zuvor zu den Aktivitäten der
Wagner-Gruppe recherchiert.
Quelle: Süddeutsche Zeitung Mord an russischen Reportern

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